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Doku klagt an: "Das ist natürlich Verbrauchertäuschung"


(Quelle: ZDF/ Inside Lidl/leer)
Keine Einkaufskörbe, verwirrende Preisschilder, doppelte Bio-Label: Einer Doku zufolge steckt hinter dem System "Lidl" sogar "Verbrauchertäuschung".

Wer bei Lidl nur mal eben Äpfel, Wasser und Brot kaufen möchte, kennt das Problem: Alles in den Arm nehmen und das Beste hoffen oder aber den unnötig riesigen Einkaufswagen durch die Gänge schieben. Einen Mittelweg, sprich: einen handlichen Einkaufskorb, gibt es bei dem Lebensmittelhändler im Gegensatz zur Konkurrenz nicht. Diese Unannehmlichkeit hat Methode, wie am Dienstagabend die Dokumentation "Lidl: Die Insider – Verkaufstricks beim Discounter-Riesen" bestätigte.

 


Das war bloß der Auftakt zu einer langen Reihe von Erkenntnissen über die Arbeitsmethoden des erfolgreichsten Discounters Deutschlands. Autor Marvin Mohr untersuchte ein Phänomen, das wohl viele Verbraucher erleben: "Jeden Tag geben Kunden hier zu viel Geld aus – weil sie die Tricks nicht kennen."

Es begann vergleichsweise harmlos beim fehlenden Einkaufskorb und reichte über angebliches "Greenwashing" beim Bio-Obst bis hin zur vermeintlich arglistigen Verbrauchertäuschung beim Flaschenrecycling.

Darum gibt es bei Lidl keine Körbe

Die titelgebenden Insider waren Menschen, die jahrelang für Lidl gearbeitet haben. Ex-Marktleiterin "Linda" (alle blieben anonym) verriet: Einkaufskörbe seien einst auf Wunsch der Kunden eingeführt worden, ließen allerdings den Umsatz in den Filialen beträchtlich sinken. Denn das geringe Volumen setzte dem Einkauf ein natürliches Limit.

Da setzt die Zentrale lieber auf die der Doku zufolge über Jahre hinweg optimierten überdimensionalen Einkaufswagen. Durch den geneigten Boden rutschen Waren angeblich leichter zum Kunden hin und damit in einen toten Winkel. Außerdem wirken die Produkte in dem riesigen Wagen winzig. All das soll dazu verleiten, mehr zu kaufen als geplant.

Preisschild hängt bei Lidl über der Ware

Der Einkauf kann laut der Dokumentation aber noch aus anderem Grund überraschend teuer werden. Das verriet "David", der sich vom Azubi zum stellvertretenden Filialleiter hochgearbeitet hat. Bei den meisten Supermärkten befindet sich das Preisschild unterhalb der Ware. Bei Lidl hängen sie hingegen darüber. Deshalb ist es "David" zufolge kein Zufall, wenn die billige Eigenmarken-Schokolade direkt im Regal unter dem teuren Markenprodukt steht und der Kunde daher angesichts des falschen Preisschilds denkt, ein echtes Schnäppchen zu machen.

Richtig hingucken und am besten nur per Einkaufszettel einkaufen, kann bei all dem Abhilfe schaffen. "Lidl: Die Insider" warf dem Discounter jedoch noch perfidere Täuschungsmanöver vor. So werbe die Firma von Deutschlands angeblich reichstem Mann, "Phantom" Dieter Schwarz, auf Plakaten groß damit, die anerkannte, aber auch teure Marke "Bioland" zu führen. Von der würden letztlich allerdings nur wenige Produkte unter die günstigeren, unter weniger strengen Auflagen hergestellten Eigenprodukte namens "Bio Organic" gemischt und das auch noch mit täuschend ähnlichen Etiketten, warf Ex-Marketingmanagerin "Ina" Lidl vor. "Die ganzen 'Bio Organic'-Produkte sind so gemacht, dass sie nahe an Bioland dran sind."

Maskierte Insider sprechen über Lidl: Es geht auch um Tricks beim Bio-Label des Discounters. (Quelle: ZDF/leer)

 

Insider waren mit Masken und Perücken getarnt

Streckenweise gab sich die Doku etwas arg investigativ. Die "Insider" waren mit Masken und Perücken derart gewollt offensichtlich verfremdet, als handele es sich um ein gruseliges Zeugenschutzprogramm.

Da die Aussagen ohnehin von Sprechern nachsynchronisiert wurden, hätten die Szenen im nachgebauten Supermarkt eigentlich gleich von Schauspielern nachgestellt werden können.

Auf viele "Insider-Geheimnisse" der Doku hätte ein Verbraucher mit etwas Nachdenken und aufmerksamem Blick auch selber kommen können. Und wer sich einredet, dass Tiefpreise bei Lebensmitteln mit Tierwohl, Klimaschutz und vorbildlichen Arbeitsbedingungen einhergehen, will es vermutlich gar nicht so genau wissen. Im Umkehrschluss blieb die Frage offen, ob und inwiefern es in teuren Supermärkten besser zugeht.

Zu diesen Zeiten backt Lidl

Manchmal scheint Lidl durchaus etwas richtig zu machen, was den Autor argwöhnisch werden ließ. Dass der Discounter die bei Kunden weniger beliebten grün-gelben Bananen verkauft, anstatt schön reifes Obst anzubieten (dann aber mehr wegzuwerfen), fand die Doku irgendwie verdächtig.

Als bei der Blindverkostung mit Passanten dann aber überraschenderweise jeder zweite die halb reifen Lidl-Bananen bevorzugte, zog der Autor daraus den Schluss: Offenbar hat der Discounter die Deutschen umerzogen. Dass Brötchen nicht spontan dann gebacken werden, wenn die Fächer leer sind, sondern zu bundesweit festen Uhrzeiten (laut der Doku um 7, 10.30 und 15.30 Uhr), erscheint angesichts von Arbeits- und Pausenzeiten der Kunden ebenfalls irgendwie logisch.

Weithin bekannt ist zudem die Erkenntnis, dass Lidl-Eigenmarken oft von bekannten Unternehmen hergestellt werden, deren eigenes Produkt nicht selten direkt im Regal daneben (oder darüber) steht. Die machen das laut Insiderin "Ida" allerdings oft nicht freiwillig. Denn wer sich weigere, riskiere die Drohung: "Dann schmeißen wir dich halt aus dem Sortiment."

Bewerbung des Recyclingkreislaufs bei Lidl wirft Fragen auf

Die vielleicht weitreichendste Erkenntnis gab es gegen Ende der 45-minütigen Dokumentation, als es um den Recyclingkreislauf bei Lidl ging. Das Unternehmen wirbt bei den Getränken der Eigenmarken "Saskia" und "Freeway" mit der Aussage "100 Prozent recycelt aus alten Flaschen" (außer Deckel und Etikett). Lidls Schlussfolgerung: Die Plastikflaschen sind eine "ökologische und günstige Alternative".

Eine Kreislauf-Grafik des Unternehmens könnte dabei den Schluss nahelegen: Die Flaschen werden in einem angeblich "geschlossenen Kreislaufsystem" ausschließlich aus dem Granulat alter Lidl-Flaschen produziert (ein Erklärvideo zum Recycling bei Lidl ist auf der Unternehmensseite nicht mehr verfügbar, weil es bei YouTube auf "privat" gestellt wurde).

"Greenwashing", meinte dazu lapidar Thomas Fischer, Leiter Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe. Denn bei der Wiederverwendung von Plastik gebe es immer Verlust, ein komplett in sich geschlossener Recyclingkreislauf sei gar nicht möglich. Woher stammt also das zusätzliche Material?

Dazu teilte der Discounter, der wie Kaufland zur Schwarz-Gruppe gehört, schriftlich mit: Zur Herstellung der Flaschen werden zusätzlich bei Kaufland zurückgenommene PET-Einwegpfandflaschen verwendet, also: "Auch Flaschen anderer Hersteller finden damit Eingang in den Kreislauf." Dieses Material fehle dann bei anderen Produzenten und müsse von diesen neu eingekauft werden, erklärte Fischer. Sein Urteil: "Das ist natürlich Verbrauchertäuschung."